Camino Francés 2025/Teil 1 von St. Jean Pied de Port bis Belorado
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Aktualisiert: vor 5 Tagen

Zum Camino Francés
Ich habe schon einige Jakobswege erwandert, Jakobsweg Österreich, Via Jacobi in der Schweiz, Via Gebennensis, Via Podiensis, Camino del Norte, Camino Inglés, Via de la Plata, Camino Mozárabe sowie Caminos in den baltischen Ländern und Polen. Den berühmtesten Camino, den Camino Francés von Saint Jean Pied de Port in Frankreich nach Santiago de Compostela, allerdings noch nicht.
Ich mag keine überlaufene Wege wandern, andererseits interessiert mich aber die Kultur und Geschichte des Camino Francés sehr. So nahm ich mir den Ratschlag eines spanischen Pilgers, den ich auf einer meinem Camino in Andalusien kennen lernte, zu Herzen, und wanderte den Camino Francés außerhalb der Saison.
Also begebe ich mich doch auf den berühmtesten 780 Kilometer langen Camino.
Am ersten Tag führt der Weg von Frankreich über die Napoleon Route schon nach Roncesvalles in Spanien. Ab dort gilt es die spanischen Regionen Navarra, Rioja, Kastilien/León und Galicien zu durchqueren. Auf den Spuren der PilgerInnen vor mir, die diesen Weg seit dem frühen 11. Jahrhundert begehen.
Anreise / 27., 28., und 29. 10. / Wien – St. Jean Pied de Port
Am Montag fährt mein Bus um 22:50 Uhr in Wien Erdberg ab. Der Bus ist in Bukarest gestartet und es nicht der Bustyp, für den ich einen Sitz mit Beinfreiheit reserviert habe. Mein ein Sitzplatz bietet auch nicht mehr Platz als alle anderen und alle Plätze sind belegt. Großteils mit Roma, die auch bis Paris fahren.
Er ist ungemütlich und die Toilette ist außer Betrieb, dafür gibt es alle zwei Stunden WC-Pausen. Mein Retter ist das Nackenhörnchen, das mir Birgit gestern noch im letzten Augenblick mitgegeben hat. So komme ich doch immer wieder zu ein wenig Schlaf.
An der deutschen Grenze werden die Pässe kontrolliert und einige Roma ziemlich grob befragt: “Where do you go?”, “For how long?”, “How much money have you with you?”. Danach müssen wir alle, mitsamt Gepäck aus dem Bus, und dieser wird bis in den letzten Winkel inspiziert.
Dann dürfen alle wieder in den Bus und es geht weiter. Um 18:40 Uhr erreichen wir Paris. Mein nächster Bus nach Bayonne geht um 22:15 Uhr, und so habe ich genug Zeit, noch etwas durch Bercy zu schlendern und in einer Brasserie einen Burger zu essen.
Pünktlich fährt der Bus vom hektischen Busbahnhof in Bercy ab. Dieser Bus ist moderner, hat mehr Beinfreiheit und ist vor allem fast leer. So kann ich mich ausbreiten und komme zu Schlaf. Wir kommen am Morgen in Bayonne an, wo ich kurz darauf schon den Regionalzug nach Saint Jean Pied de Port nehme. Hier ist der Startpunkt des Camino Francés. Ich war vor Jahren schon mit Birgit hier, damals sind wir aber von hier entlang der Pyrenäen bis Hendaye gewandert, um auf den Camino del Norte zu gelangen.
In Saint Jean hole ich mir im Pilgerbüro eine Credenciale ab, besuche die Zitadelle, die gotische Pfarrkirche Notre Dame du Bout du Pont aus dem frühen 13. Jahrhundert und den Lidl aus dem 20. Jahrhundert.
Um 14.30 Uhr kann ich in meiner Herberge einchecken und mache mit den ersten PilgerInnen Bekanntschaft. Es ist recht viel los, vor allem wenn man bedenkt, dass es schon fast November ist.
Unterkunft: Albergue Municipal
Tag 1 / Donnerstag, 30.10. / St Jean Pied de Port – Camping Urrobi
32,18 km, 1476 m ↑, 799 m ↓
Obwohl wir mit Maximalbelegung von 16 Personen im Zimmer waren, bin ich aufgrund der zwei Nächte im Bus schon um 20 Uhr eingeschlafen und schlief bis 5:30 Uhr fast durch. Es war auch kein Schnarchen zu hören, was bei 16 Personen echt selten ist – wobei es vielleicht doch einen Schnarcher gab und alle anderen kein Auge zugemacht haben. Aber das werde ich wohl nie erfahren.
Ich gehe im Dunkeln mit einer Stirnlampe los. Die Etappe gilt als die anspruchvollste des Camino Francés und ich möchte sogar etwas weiter als zum von den meisten PilgerInnen angestrebten Kloster in Roncesvalles.
Der Morgennebel verzieht sich und es wird ein wunderschöner Herbsttag. Das Wetter kann gerade auf dieser Etappe auch sehr schlecht sein. Nebel nimmt einem dann die Sicht und starke Winde peitschen über die Pässe. Aber nicht heute. Ich habe klare Sicht und eine wunderbare Aussicht.
Ich bringe die zwölf Höhenmeter hinter mich und steige steil nach Roncesvalles ab. Alle PilgerInnen, die ich heute getroffen habe, werden hier in einer sehr bekannten Herberge schlafen. Dort gibt es 200 Betten. Zur Hauptsaison ist die Herberge auch voll, aber jetzt sicher nur zu einem Teil belegt.
Ich werde aber noch ein Stück weiter gehen, um morgen mit einer langen Etappe Pamplona zu erreichen. Nach sechs weiteren Kilometern finde ich eine Herberge, die zu einem Campingplatz gehört. Und ich bin der einzige Gast. Obwohl es mich gefreut hat PilgerInnen aus Taiwan, Südkorea, Schweden, Australien und UK kennenzulernen, stört es mich nicht nach zwei Nächten im Bus und einer in einem 16er Zimmer, mal einen Raum für mich allein zu haben. Morgen in Pamplona, werde ich sicher wieder PilgerInnen treffen – also genieße ich die Ruhe.
Unterkunft: Camping Urrobi
Tag 2 / Freitag, 31.10. / Camping Urrobi – Arre
35,64 km, 746 m ↑, 1175 m ↓
Ich stehe schon um fünf auf. Ich habe mir gestern aus einem Automaten neben der Bar, in der ich zu Abend gegessen habe, ein etwas unkonventionelles Frühstück gezogen: Eine Coca Cola für das Koffein, ein Brioche mit Schokofüllung und drei zuckerfreie Schoko-Cookies.
Die Bars in der nächsten Ortschaft, dem 17 Kilometer entfernten Zubiri, sperren erst um neun Uhr auf, und so bin ich froh, etwas im Magen zu haben, als ich wieder im Dunkeln meine Wanderung beginne.
Es geht durch navarresisches Mittelgebirge, Buchen- und Eichenwälder. Ich komme an kleinen Dörfern vorbei. Hier gibt es drei Arten von Bars. Verschläge, die irgendwie aus Plastikplanen und Sperrholzplatten zusammengebaut sind. Diese sind, ebenso wie die Food Trucks, außerhalb der Saison geschlossen. Und dann noch die klassische Bar im Ortskern, wie man sie in ganz Spanien findet.
In Zubiri finde ich eine klassische spanische Bar, trinke Kaffee und esse ein Bocadillo mit Omelett.
Jetzt sind es noch 24 km bis Pamplona und von hier geht es durch das Tal des Flusses Arga. Vier Kilometer vor Pamplona, in Arre, stoße ich auf eine geöffnete Herberge aus dem 12. Jahrhundert. Es gibt eine Küche und einen Supermarkt ganz in der Nähe, und so bleibe ich hier. Und bin genau so wie gestern – alleine in der großen Herberge.
Unterkunft: Albergue de peregrinos de la "Trinidad de Arre”
Tag 3 / Samstag, 1.11. / Arre – Puente la Reina
30,75 km, 515 m ↑, 618 m ↓
Die Herberge verlässt man über einen Innenhof, in dem auch die süßesten kleinen Katzen Spaniens leben. Beim Öffnen der Tür ist dann ein Kätzchen in die Herberge geschlüpft, und um sie dort nicht einzusperren, suche ich sie und bringe sie wieder in den Hof zu ihren Freunden.
Beim Verlassen des Hofes entwischt mir trotz aller Vorsicht dann eine andere Katze und macht sich am Weg ins Dorf. Auch diese muss ich wieder einfangen und zurückbringen. Also munter bin ich jetzt schon mal und so starte ich die vier Kilometer bis Pamplona.
In Pamplona treffe ich eine südkoreanische Pilgerin, und wir gehen gemeinsam aus der Stadt raus. Dann treffe ich Francisco aus Sardinien, und später Richard aus Bayern. Jeder geht in seinem Tempo, manchmal treffen wir uns, weil jemand Pause macht. Ich treffe David aus Seoul, der in Badelatschen humpelt, weil seine Fußballen voller Blasen sind. Kurz vor Puente la Reina ist unsere Gruppe schon auf sieben Personen angewachsen.
Ich koche mir mein Abendessen in der Herberge und teile mir das Herbergszimmer mit einem weiteren jungen Südkoreaner. Bisher habe ich mehr PilgerInnen aus Südkorea als aus anderen Nationen kennengelernt. Und bei den Gesprächen mit ihnen stellte sich heraus, dass sie vor richtungsweisenden Entscheidungen für die Zukunft stehen und sich hier Zeit nehmen, um darüber nachzudenken.
Da wäre zum Beispiel der südkoreanische Pastor, der entweder zu Hause als Pastor arbeiten, oder sein Theologiestudium in Bochum beenden könnte, um dann in Südkorea an der Universität zu lehren. Er weiß nicht, wofür er sich entscheiden soll und hofft, in den nächsten Wochen eine Antwort zu bekommen.
Unterkunft: Albergue Puente
Tag 4 / Sonntag, 2.11. / Puente la Reina – Luquin
35,76 km, 857 m ↑, 616 m ↓
Ich gehe im Dunklen durch die Altstadt von Puente und verlasse die Stadt über die berühmte Brücke über den Arga. Hier war im Mittelalter eine der wenigen Brücken über den gleichnamigen Fluss, und somit vereinigten sich hier der aragonesische mit dem navarresischen Zweig des Jakobswegs. Die Stadt gehörte mal den Templern und nach deren Auflösungen den Johannitern. Ich bedaure es, die Stadt gestern nicht mehr besichtigt zu haben, da es hier doch Interessantes zu besichtigen gäbe.
Am Vormittag komme ich durch die kleinen Orte Mañeru und Cirauqui. Und hier spüre ich ganz besonders, das ich teilweise auf der historischen Strecke unterwegs bin. Römerstraßen- und Brücken liegen am Weg. Einziger Wermutstropfen ist die die immer in der Nähe verlaufende A12.
Zu Mittag erreiche ich Estella, ein traditionelles Etappenziel. Auch hier steht noch ein Templerkloster, und auch sonst stechen Gebäude aus der Hochzeit des Pilgerns in der sonst hektischen Stadt hervor. Ich will noch 10 Kilometer weiter gehen, und zwar eine Variante durch Wälder und Hügel. Dabei komme ich zuerst beim Kloster Irache und dem berühmten Weinbrunnen vorbei. Im Weinbrunnen ist tatsächlich noch Wein. Ein untrügliches Zeichen, dass wir in der Nachsaison sind. Das Weingut stellt täglich eine gewisse Menge Wein zur Verfügung, die während des Sommers meist schon am Vormittag ausgetrunken wird.
Zwei Stunden gehe ich noch durch Wälder und an Hügelketten vorbei, bis ich Luquin erreiche. Hier komme ich in der Herberge von Tiago unter. Wir sind nur zu zweit hier. Ein junger Belgier, den ich seit St. Jean Pied de Port immer wieder mal getroffen habe, und ich. Er ist krank und der Hospitalero hat ihm ein eigenes Zimmer zugewiesen, hoffentlich reicht das, mich nicht anzustecken.
Unterkunft: Casa Tiago
Tag 5 / Montag, 3.11. / Luquin – Viana
31,96 km, 572 m ↑, 676 m ↓
Da ich das Zimmer für mich alleine habe, muss ich mich um 5:30 Uhr nicht aus dem Zimmer schleichen, sondern kann in Ruhe meinen Rucksack packen und in der Herbergsküche Kaffee kochen. Gestärkt und ausgeruht geht es los Richtung Los Arcos. Der Weg führt an Feldern entlang und wird nach den kleinen Dörfern Sansol und Torres del Rio hügeliger und steiniger.
An einem Rastplatz lerne ich Dane aus Australien kennen. Er kämpft mit Knieschmerzen und wird morgen wohl Pause machen. Er wird bis Viana gehen, und ich muss die Entscheidung treffen, ob ich 32 Kilometer bis Viana gehe oder 40 bis Logroño. Logroño ist eine große Stadt, und ich bin bisher gut damit gefahren, nicht in großen Städten zu schlafen.
Also entscheide ich mich für Viana.
Die Entscheidung ist goldrichtig. Die Herberge ist neben einer Kirchenruine am höchsten Punkt des Ortes, und über einen Aussichtsplatz sieht man kilometerweit in die Region Rioja hinein. Die beste Aussicht, um den Sonnenuntergang um 18 Uhr zu beobachten.
In der Herberge sind wir zu fünft. Ich spreche etwas länger mit Gloria aus Colorado. Sie arbeitet saisonweise, immer zwei Monate am Stück, ohne Land zu betreten, als Fischerin in Alaska. Mit dem Gehalt kann sie sich längere Reisen leisten. Allerdings wird sie den Fischerei-job bald an den Nagel hängen. Sie wollte es in ihrer Jugend unbedingt machen, aber die 18 Stunden-Schichten sind ihr langfristig zu anstrengend.
Unterkunft: Albergue municipal Andrés Munoz
Tag 6 / Dienstag, 4.11. / Viana – Nájera
40,55 km, 564 m ↑, 517 m ↓
Ich starte wie immer im Dunkeln und erreiche am Morgen Logroño, die Hauptstadt Riojas. Nach einem kleinen Frühstück geht es weiter. Am Stadtrand komme ich in einen Park, in dem es von handzahmer Eichhörnchen nur so wimmelt.
Der Weg verläuft heute viel zu lange in der Nähe der Autobahn. Bei einer Pause treffe ich einen Engländer, und wir haben ein skurriles Erlebnis. Hinter den Weingärten hört man einen Mann grauenhafte Schreie ausstoßen und zwischen den Reben liegt ein Wanderrucksack. Wir gehen zu zweit durch die Reben in Richtung der Schreie. Dort ist ein Mann, der auf meine zweimalige Nachfrage, ob alles ok ist, mit ruhiger Stimme meint, es wäre alles ok. Kurz sind wir unsicher, ob wir nicht die Guardia Civil informieren sollten, aber wir entscheiden uns dann dagegen und gehen mit einem mulmigen Gefühl weiter.
Kurz vor Nájera erreiche ich die Stelle, an der der Legende nach Roland gegen den Riesen Ferragut kämpfte. Es ist eine Abwandlung der David und Goliath Geschichte, mit einer Prise Achilles, war doch die einzige verwundbare Stelle Ferraguts sein Bauchnabel, den Roland noch aus aussichtsloser Position durchbohren konnte und somit den Kampf für sich entschied
Müde erreiche ich die Herberge, und ich erkenne an dem Rucksack den schreienden Pilger aus dem Weingarten wieder, und es scheint alles ok zu sein. Er musste sich wohl nur die Seele aus dem Leib schreien. Ich bin beruhigt ihn wiederzusehen und, dass wir keine Fehlentscheidung getroffen haben.
In der Herberge sind 48 Personen. Ich habe keine Idee, wo die auf einmal alle herkommen. Die Gespräche, die ich belausche, sind sehr eigenartig. Ein Texaner preist die texanischen Waffengesetze an, ein Slowene fordert stärkere Grenzkontrollen und drei Italiener planen ein Besäufnis in der Küche.
Unterkunft: Albergue municipal
Tag 7 / Mittwoch, 5.11. / Nájera – Belorado
47,14 km, 939 m ↑, 664 m ↓
Um 5.30 Uhr schleich ich mich aus dem 48 PilgerInnen stark belegten Schlafsaal. Der Rucksack ist schon perfekt vorgepackt. In einem Arm den Schlafsack, im anderen den Rucksack, öffne ich die Schlafsaal Tür – die mir dann unbeabsichtigt mit einem Knall ins Schloss fällt. Aus dem Saal hör ich ein Stöhnen und Rascheln. Hab ich es doch noch geschafft, die halbe Belegschaft zu wecken.
Heute geht es die ganze Zeit auf Feldwegen, oft auch in unmittelbarer Nähe zur Autobahn, entlang. In Azofra trink ich einen Kaffee und esse einen Schokocroissant, beziehungsweise die spanische Version davon: Die Napoletana. In Santo Domingo de la Calzada hol ich mir im Dia Supermarkt Mittag- und Abendessen, und verzehre das Mittagessen gleich auf einer Bank vor Ort.
In Santo Domingo ist für die meisten PilgerInnen Etappenende. Ich habe heute aber viel vor, nämlich nochmal 24 km anzuhängen. Es läuft auch alles gut, bis es dann bei Kilometer 37 zu regnen anfängt. Es wird unangenehm kalt, und ich versuche die Herberge noch vor dem Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Das gelingt mir gerade mal so. Völlig durchnässt beziehe ich mein Bett, gehe warm duschen, esse mein mitgebrachtes Essen und gehe bald schlafen.
Unterkunft: Albergue municipal






























































































































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