Camino Francés 2025/Teil 2 von Belorado bis Villadangos del Páramo
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- vor 6 Tagen
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Aktualisiert: vor 5 Tagen

Tag 8 / Donnerstag, 6. 11. / Belorado – Atapuerca
33,2 km, 552 m ↑, 392 m ↓
Ich schlief in einem Zimmer mit einem koreanischen Vater-Tochter-Gespann. Als ich um zwei Uhr mal kurz aufwache, höre ich die Tochter husten und röcheln. Da ich gestern so müde war, dass ich sofort einschlief, hatte ich nichts bemerkt, aber spätestens nach dem dritten Hustenanfall ist klar: Sie ist krank. Jetzt bleibt mir nur zu hoffen, dass ich mich nicht anstecke. Ich kann gar nicht mehr einschlafen und schleiche um fünf Uhr mit Sack und Pack aus dem Zimmer.
Stefan, ein in den Niederlanden lebender Ungar, den ich gestern in der Herberge kennengelernt habe, ist auch schon wach und wir frühstücken gemeinsam. Um sechs Uhr mache ich mich auf den Weg. Es ist kalt und nieselt leicht. Mir geht es aber trotz der gestrigen Rekord-Etappe sehr gut.
Im dritten Ort, Villafranca Montes de Oca, gibt es eine offene Bar. Es wird Zeit für ein zweites Frühstück. In der Bar sitzt ein Däne, der mich kurz zuvor überholt hatte. Ich frage, ob ich mich zu ihm setzen darf und wir erzählen uns ein wenig von unseren Erlebnissen auf den letzten Etappen. Anschließend geht es 12 Kilometer durch einen Wald. Eine schöne Abwechslung nach all den landwirtschaftlichen Flächen der letzten Tage.
An einer Gedenkstätte, wo man ein Massengrab aus der Franco-Zeit fand, hielt ich kurz inne. Nachfahren der Opfer suchen teils immer noch nach Gräbern, wo sie hoffen, wenigstens die Gebeine ihrer Verwandten zu finden.
In Atapuerca finde ich eine kleine Herberge, in der wir nur zu fünft sind. Es scheint immer so zu sein: In klassischen Etappenzielen übernachten um die 50 Personen, aber in den kleinen Dörfern dazwischen nur eine Handvoll.
Deswegen möchte ich Morgen weiter als bis Burgos gehen. Es ist allerdings stärkerer Regen angesagt. Wenn diese Voraussage so eintritt, bleibe ich vielleicht doch nach 18 Kilometer in Burgos.
Unterkunft: Hostel La Plazuela Verde
Tag 9 / Freitag, 7.11. / Atapuerca – Tardajos
32,95 km, 213 m ↑, 332 m ↓
Es regnete in der Nacht und sollte dann ab sieben Uhr aufhören und nur mehr bewölkt sein, um dann um 16 Uhr wieder anzufangen.
Mein Plan ist es, dieses regenfreie Fenster auszunutzen. Sollte es früher als vorhergesagt zu regnen beginnen, dann bleibe ich nach 20 Kilometern in Burgos, ansonsten hänge ich nochmal 10 Kilometer an.
Vor Burgos muss man kilometerlang durch Industrie- und Handelsviertel laufen. Auch solche Strecken gehören zu den meisten Caminos*. In Burgos schaue ich mir nicht die Kathedrale, sondern die dem Stadtheiligen Lesmes gewidmete Kirche an. Die Tür ist offen, und ich raste ein wenig auf einer Kirchenbank der gotischen Kirche, bis eine Frau mich darauf hinweist, dass sie die Kirche gleich zusperrt.
Von der Kathedrale mache ich nur schnell ein Bild und verlasse die Stadt Richtung Westen durch den Universitätsbezirk.
Ich erreiche die kleine Pilgerherberge einer madrilenischen Jakobusvereinigung um 16 Uhr. Ein junges litauisches Paar ist schon hier, und uns folgt eine zusammengewürfelte Gruppe aus aller Welt.
*Erst nach dem Camino lese ich einen Bericht, von einem schönen Alternativweg entlang des Flusses Arlanzón. Schade!
Unterkunft: Albergue municipal
Tag 10 / Samstag, 8.11. / Tardajos – Itero de la Vega
42,67 km, 484 m ↑, 570 m ↓
Die zusammengewürfelte Truppe, die gestern noch in die Herberge kam, entpuppte sich als sehr trinkfreudig. Bis zum frühen Morgen wurde im Aufenthaltsraum der Albergue gefeiert. Als ich am Morgen dort einen Kaffee machen will, liegt ein Pilger in der Küche unter einer Decke. Bei ihm eine Katze, die nicht hierher gehört, und die raus will.
Ich lasse die Katze raus, schaltete das Licht ein und mache mir Kaffee, ohne dass der seinen Rausch ausschlafende Pilger etwas mitbekommt
Heute geht es tief in die Meseta, die spanische Hochebene, hinein. Ich habe bald wieder Lust auf Kaffee, aber den krieg ich erst nach 15 Kilometern in einer Pilgerherberge, die auch Frühstück anbietet. Hier treffe ich Stefan aus Ungarn wieder, und lerne Li aus China kennen.
Wir brechen gleichzeitig auf, aber ich kann bei dem Tempo der beiden nicht mithalten und lasse sie ziehen.
Nach 30 Kilometern erreiche ich Castrojeriz. Die Stadt ist mit dem Prädikat einer besonders sehenswerten Stadt ausgezeichnet, und auch ein beliebtes Etappenziel. Ich mache an der Kirche kurz Rast und gehe dann weiter.
Es folgt ein steiler, aber lohnenswerter Aufstieg zum Mirador del Alto de Mostelares. Danach zieht sich der Weg noch ordentlich, und kurz vor dem Ziel hole ich Li nwieder ein.
Wir erreichen die Herberge. Sie wird von einem jungen ukrainischen Paar sehr liebevoll geführt.
Unterkunft: Albergue Puente Fitero
Tag 11 / Sonntag, 9.11. / Itero de la Vega – Carrión de los Condes
35,83 km, 209 m ↑, 123 m ↓
Mit 7:30 Uhr bin ich heute etwas später als üblich gestartet. Das Zimmer war zwar fein, aber es gab keinen guten Raum, in den ich mich zum Packen und Umziehen begeben hätte können, und ich wollte die anderen PilgerInnen auch nicht unnötigerweise wecken.
Der Weg ist monoton, flach und geht auf einer eigenen Spur entlang einer Straße. Es trifft sich gut, dass Sonntag ist, und sich der Verkehr somit in Grenzen hält. Ebenso ist es angenehm, dass Li zu mir aufschließt. Li kenne ich seit vorgestern. Er kommt aus China, hat seinen Job bei einem Softwareunternehmen gekündigt, weil er in einem Jahr mit 30 sowieso gekündigt worden wäre. Er arbeitet im Gaming Bereich, und die Firmen wollen Mitarbeiter unter 30, damit sie erstens kräftemäßig rund um die Uhr einsetzbar sind, und zweitens, damit die Mitarbeiter altersmäßig so nah wie möglich am Zielpublikum sind.
Er ist hier, um darüber nachzudenken, was er in Zukunft machen will. Wir treffen dann Paul, der uns entgegenkommt. Brite, Alter irgendwo zwischen 60 und 70. Löchrige Jeans, der Rucksackgurt hat keine Schnallen mehr und ist nur notdürftig verknotet. Er schaut gleichzeitig arm, aber glücklich aus. Er erzählt uns, dass er am Camino lebt. Er wandert, und wenn er mal nicht wandert, hilft er in Pilgerunterkünften aus. Endlich habe ich jemanden kennengelernt, der am Camino lebt. Ich habe schon viel von ihnen gehört. Diese Handvoll PilgerInnen, die ihrem bürgerlichen Leben den Rücken gekehrt haben, die Caminos jahrein und jahraus durchstreifen und helfen wo sie können.
Li schlägt ein schnelleres Tempo ein, und wir treffen uns erst wieder in der Herberge, wo ich auf ein paar bekannte Gesichter stoße.
Ich kaufe mir etwas Proviant für morgen ein, koche mir in der Herbergsküche Nudel mit Chorizoragout und gehe schlafen.
Unterkunft: Albergue Espiritu Santo
Tag 12 / Montag, 10.11. / Carrión de los Condes – Sahagún
40,53 km, 245 m ↑, 258 m ↓
Die Nacht war recht hart, da wir gleich zwei Schnarcher im Schlafsaal hatten. Ich stopfe mir ein Stückchen vom Einweg-Bettbezug in die Ohren und komme so durch die Nacht.
Um fünf Uhr hat mein Bettnachbar die gleiche Idee wie ich: Wir schleichen uns aus dem Zimmer und gehen in die Küche, um uns ein Frühstück zuzubereiten.
Um sechs Uhr bin ich am Weg und es ist recht grauslich. Es nieselt leicht und der Weg geht die meiste Zeit auf Kieswegen gerade entlang der Straße. Ich bin froh, gestern zumindest noch ein paar Süßigkeiten ergattert zu haben, da es die ersten 17 Kilometer nichts gibt. In der ersten Bar schauen mich zwei phlegmatische Barfrauen an. Wenn sie noch ein wenig grantiger wären, könnten sie glatt in einem Wiener Kaffeehaus anheuern. Li, der zwei Stunden nach mir hier einkehrt, erzählt mir am Abend, dass sie ihm auch zu viel verrechnet haben für das bisschen was er hatte.
Bei trüben Wetter komme ich durch trostlose kleine Dörfer. Ein spanischer Hirtenhund begleitet mich ein wenig. Er ist nicht zum fürchten, wirkt er doch so, als könnte er jeden Moment aus Altersschwäche einfach Tod umfallen.
In der Herberge angekommen, fühle ich mich heute erstmals erschöpft. Vielleicht muss ich meine Kilometerleistung auch ein wenig zurückschrauben.
Unterkunft: Albergue Santa Cruz
Tag 13 / Dienstag, 11.11. / Sahagún – Mansilla de Las Mulas
37,26 km, 221 m ↑, 206 m ↓
Ich habe Li mittlerweile sehr ins Herz geschlossen. Er ist so offen, hilfsbereit und begeisterungsfähig. In der Herberge gestern gab es ein sogenanntes Shared Dinner. Das bedeutet, die Freiwilligen Helfer in der Herberge bereiten einen Gang zu (Pasta) und die PilgerInnen tragen zusätzliche Gänge bei. Zum Beispiel habe ich Joghurt, Schinken und Käse gekauft, jemand anderes Brot und wieder wer anderes Salat. Was macht Li? Nachdem er 40 km gewandert war, und ziemlich erschöpft eine Stunde vor dem Abendessen von seiner “Pflicht” das Essen betreffend hörte, läuft er zum Supermarkt, kaufte Fleisch und Mangos ein, und kochte mit weiteren Zutaten aus der Herbergsküche einen chinesischen Fleisch-Mango Eintopf der alle aus den Socken haute.
Heute geht es monoton dahin – Zeit zum Nachdenken und zum Achten auf Kleinigkeiten. Ich finde Gefallen an den alten Häusern, deren Wände aus einem Lehm- Stroh- und Sandgemisch erbaut wurden, an den Dorfkatzen, deren Futterplätze ich überall im Dorf finde und an den kleinen Lebensmittelläden, Tiendas genannt, die den typisch österreichischen Greislern ähnlich sind.
In Mansilla angekommen, gibt es in der Herberge nur noch einen Platz im Stockbett oben. Auch sonst sind die Räume nur klein und überall sind Menschen. Heute nicht! Ich gehe weiter und nehme 100 Meter entfernt, um 35 Euro ein Einzelzimmer mit Bad und WC. Das erste Einzelzimmer seit ich gestartet bin.
Im Dorf ist das San Martino Fest. Ein Dorffest, an dem so gut wie alles geschlossen hat. Mein Vermieter rät mir zu einer Pizzeria, die als einziger Laden offen ist. Dort essen Li und ich zu Abend. Morgen wird sich unser Weg trennen. Er macht einen Pausentag in Leon, und sollte ich mich nicht verletzen, wird er mich wohl nicht mehr einholen.
Unterkunft: La Pensión de Blanca
Tag 14 / Mittwoch, 12.11. / Mansilla de las Mulas – Villadangos del Páramo
41,95 km, 412 m im ↑, 310 m ↓
Obwohl ich in einem sauberen und bequemen Einzelzimmer geschlafen habe, wache ich ziemlich erschöpft auf und komme schwer in die Gänge. Der Magen grummelt. Das Lokal, in dem wir gestern Essen waren, wirkte wenig vertrauenserweckend, war aber unsere einzige Option. Hoffentlich habe ich mir keine Lebensmittelvergiftung eingefangen.
Ich gehe los, und finde die erste offene Bar erst nach acht Kilometern. Der Kaffee und die Schokotasche stärken mich. Ich habe also keine Magenverstimmung, sondern einfach nur Hunger.
Weiter geht es durch Vororte nach Léon. Ich schaue mir die Pfarrkirche von innen und die Kathedrale von außen an und verlasse die Stadt schon wieder.
Mein Ziel ist eine Herberge 20 Kilometer hinter Léon, die mir eine Pilgerfreundin, die ich von Facebook kenne, empfohlen hat. Oder besser gesagt würde sie gerne wissen wie die Herberge so ist, weil sie hier im Februar als ehrenamtliche Hospitalera arbeiten wird.
Nach Léon reihen sich gleich mehrere Dörfer wie Perlen an eine Schnur. Wer es etwas ruhiger will, könnte ab La Virgen del Camino eine Alternativstrecke einschlagen. Ich bleibe am Hauptweg, würde es nächstes Mal aber anders machen. Zu Nahe ist man an der Straße und zu stark der Verkehr.
Im Regen erreiche ich die Herberge, und sie ist sehr schön. Kein großer Schlafsaal, sondern mehrere kleine. Und die Hospitaleros sind so nett, nicht die Zimmer aufzufüllen, sondern die PilgerInnen aufzuteilen. So ergibt es sich, dass ich ein Viererzimmer für mich alleine habe. Es gibt auch eine voll ausgestattete Küche, in der ich mir meine in León gekauften Nudel kochen kann.
Unterkunft: Albergue Municipal Villadangos





























































































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