Camino Francés 2025/Teil 3 von Villadangos del Páramo bis Santiago de Compostela
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Aktualisiert: vor 5 Tagen

Tag 15 / Donnerstag, 13.11. / Villadangos del Páramo – Murias de Rechivaldo
34,93 km, 270 m im ↑, 251 m ↓
Heute ist für den ganzen Tag Regen angekündigt. Ich mache mir am Morgen einen Kaffee, frühstücke ein paar Kekse die ich in der Herbergsküche finde und mache mich auf den Weg.
Es nieselt am Morgen nur sehr leicht, und ich komme auf dem einfachen Weg neben der N120 gut weiter. So gut, dass ich schon um 13:40 die knapp 30 Kilometer bis Astorga hinter mir habe.
Astorga ist auch das Ende der Via de la Plata, und mir aus Recherchen zu diesem Weg schon ein Begriff. Die Stadt wurde schon von den Römern 17 vor Christus gegründet. Aufgrund der guten Lage an gleich mehreren Handelsrouten gelangte man hier recht leicht an Zucker und Kakao, und es wurden neben Schokolade auch für die Stadt typische Süßspeisen kreiert: Probiert habe ich ein Blätterteiggebäck (Hojaldres) und ein Butterschmalzgebäck (Mantecados). Alles hat sehr gut geschmeckt.
Ich gehe durch die Stadt, schaue mir die Kathedrale an und gehe dann vier Kilometer weiter zu einer kleinen bescheidenen Dorfherberge. Pedro, der Hospitalero, kocht am Abend Pasta. Wir sind zu viert in der etwas zu kalten Herberge.
Unterkunft: Albergue Municipal de Murias de Rechivaldo
Tag 16 / Freitag, 14.11. / Murias de Rechivaldo – El Acebo de San Miguel
37,51 km, 2776 m im ↑, 521 m ↓
Am Morgen gibt es in der Herberge Joghurt für jeden. Die Herberge besteht im Grunde aus einem großen Raum mit 10 Betten und einer Pelletheizung, Duschen, WCs und einem Nebenraum, in den sich der Hospitalero Pedro gestern immer wieder zurückgezogen hat, auch um uns zu kochen. In der Früh bemerke ich, dass er dort wohnt. Und das, wie der US-amerikanische Pilger Samuel erfahren hat, schon seit elf Jahren. Seit elf Jahren reinigt er am Vormittag die Herberge, empfängt ab Mittag die PilgerInnen und kocht dann denjenigen, die es wollen, eine Kleinigkeit zum Abendessen. Dann bekommen die PilgerInnen in der Früh einen Joghurt – und das ganze geht wieder von vorne los.
Es regnet heute in unterschiedlicher Stärke den ganzen Tag. Trotzdem ist es einer meiner Lieblingstage auf dem Camino. Langsam führt der Weg in die Berge Leons hinein. Die Berge, aus denen die Römer Gold geholt haben. Bis das gesamte Vorkommen ausgeschöpft war und sie die Stadt Astorga aufgegeben haben.
Ich passiere die malerischen Orte Santa Catalina de Somoza, El Ganso, Rabanal del Camino und Foncebadón, bevor ich das ikonische Cruz de Ferro erreiche.
Am Cruz de Ferro ist der mit 1500 m höchste Punkt des Camino Francés. Hier legen PilgerInnen Steine ab. Das kann eine Last, eine Schuld oder auch Trauer symbolisieren. Ebenso werden Bilder, Fotos und Briefe hinterlegt.
Jetzt geht es weiter im Auf und Ab über die Berge, bevor es zum Schluss steil hinunter nach El Acebo de San Miguel geht.
Hier gibt es eine Herberge, die auch Abendessen anbietet. Dieses nehme ich gemeinsam mit einem Paar aus Südkorea, einem Inder und Anita aus den Niederlanden ein.
Die Etappe heute war sehr lang, und ich bin überrascht, wie leicht sie mir gefallen ist.
Unterkunft: La Casa del Peregrino
Tag 17 / Samstag, 15.11. / El Acebo de San Miguel – Villafranca del Bierzo
42,73 km, 568 m im ↑, 1202 m ↓
Um sieben Uhr frühstücke ich in der Herberge und mache mich um 7:30 Uhr auf den Weg. Etwas später als sonst, aber da der ↓ nach Molinseca mitunter sehr steil und steinig ist, will ich nicht zu lange im Dunkeln gehen. Nach 45 Minuten kann ich die Stirnlampe weggeben und am späten Vormittag gibt es in Molinseca einen Cortado und eine Napoletana. Weiter geht es nach Ponferrada. Kelten, Römern und später der Templerorden waren hier.
Ich gehe an der berühmten Burg vorbei ins Zentrum, und dann über Vororte aus der Stadt hinaus.
Ich befinde mich im Bierzo, einem Becken, das von 2000 m hohen Bergen umgeben ist. Hier wächst Wein, und im Sommer soll es für die PilgerInnen besonders heiß sein. Jetzt ist der Weg angenehm, aber eine sehr lange Strecke und ich komme erst im Dunkeln am Tagesziel an.
Villafranca del Bierzo ist wieder ein klassisches Etappenziel des Camino, und so ist in der Herberge wieder eine größere Pilgergruppe, die schon seit Tagen oder vielleicht auch Wochen gemeinsam unterwegs ist. Ich mag solche Gruppen nicht. Sie sind laut, haben meist einen selbsternannten männlichen Anführer, und nehmen immer den gesamten Platz und Raum ein. Selbst im Winter ist mir am Camino Francés eigentlich zu viel los. Ich finde, der Weg ist nichts für jemanden, der Ruhe möchte.
Unterkunft: Albergue La Piedra
Tag 18 / Sonntag, 16.11. / Villafranca del Bierzo – Hospital da Condesa
36,38 km, 1049 m im ↑, 331 m ↓
Ich wache später auf, als ich eigentlich wollte und trinke um 7:30 in der Herberge noch einen Kaffee. Die PilgerInnen, die gestern in der Küche zusammen waren, fragen mich, ob ich gestern sauer war, weil ich gleich wieder gegangen bin, als sie alle in der Küche zusammen saßen und aßen. Ich versuche zu erklären, dass es nichts Persönliches ist, aber viele Menschen in kleinen Räumen bei mir fast schon Panikzustände auslösen. Sie waren nett und haben sich Sorgen gemacht, ob ich noch was gegessen hatte. Hatte ich, und zwar hatte ich die Küche für mich, nachdem sie schlafen gegangen sind.
Die heutige Etappe gilt als eine der schwersten am Camino Frances. Und zwar geht es auf 1300 m rauf nach O Cebreiro, das schon in Galicien liegt, der vierten und letzten Region meiner Wanderung.
Es gilt zwar, viele Höhenmeter zu bewältigen, aber die Steigung ist recht moderat und der Weg für PilgerInnen gut ausgebaut. Ich gehe am eigentlichen Etappenziel vorbei und noch mal fünf Kilometer weiter nach Hospital zu einer Herberge der Xunta de Galicia.
Viele PilgerInnen mögen diese Herbergen nicht, seitdem die Region vor einigen Jahren beschlossen hat, die vorhandenen Küchen nicht mehr auszustatten. Zu Viel wurde gestohlen oder verdreckt zurückgelassen. Ich mag die Herbergen, weil es in ihnen etwas ruhiger zugeht.
Unterkunft: Hospital de la Condesa
Tag 19 / Montag, 17. 11. / Hospital da Condesa – Sarria
34,98 km, 533 m im ↑, 1361 m ↓
Ich schlafe unruhig, erst am Morgen, als es Zeit zum Aufstehen ist, könnte ich tief schlafen.
Ich mache mir in der Herbergsküche einen Kaffee und esse ein paar Kekse dazu. Ein spanischer Pilger ist auch schon wach und genießt auf der Terrasse eine Zigarette.
Ich mache mich auf den Weg. Es ist kalt und windig. Ich befinde mich doch für einige Kilometer auf 1300 Metern. Kleine Weiler mit alten Wallfahrtskapellen säumen den Weg. Im Sommer hat jeder noch so kleine Weiler eine Bar. Jetzt sind sie jedoch so gut wie alle zu.
Langsam geht es bergab und ich erreiche am Tal mit Triacastela einen etwas größeren Ort. Hier bekomme ich Kaffee und eine Art Germgebäck. Ich habe nichts außer acht Kekse bei mir und noch 18 Kilometer vor mir. Also schaue ich bei einem kleinen Lebensmittelladen vorbei. Der Inhaber blafft mich beim Eintreten gleich an, dass ich meinen Rucksack nicht ins Geschäft mitnehmen darf. Auf den unfreundlichen Ton habe ich gar keine Lust und drehe auf der Stelle um und verschwinde. Acht Kekse und 18 Kilometer, das geht sich locker aus.
Es geht weiter durch einen schönen Kastanienwald. Vorbei an Bauernhöfen und kleinen Weilern. Am besten gefallen mir die alten Steingebäude mit den Schieferdächern.
Um 17 Uhr checke ich in Sarria in der Herberge ein und laufe dann zum Supermarkt einkaufen. Inzwischen habe ich doch großen Hunger.
Sarria ist bekannt dafür, der letzte öffentlich gut erreichbare Ort hinter der 100 Kilometer Grenze nach Santiago zu sein. 100 Kilometer muss man nämlich auf dem Camino absolvieren, um die Compostela – die Bestätigung, die Pilgerreise absolviert zu haben - zu bekommen. Ab hier sind wesentlich mehr PilgerInnen unterwegs. Ich bin schon auf Morgen gespannt, ob das Pilgeraufkommen auch jetzt, Mitte November, spürbar höher wird.
Unterkunft: Albergue de peregrinos Sarria
Tag 20 / Dienstag, 18.11. / Sarria – Airexe
42,46 km, 1013 m im ↑, 817 m ↓
Ich habe gestern nicht geduscht. Die Herberge ist schmuddelig, es gab eine Dusche für 20 PilgerInnen und ich bin spät gekommen, wäre also der letzte gewesen. Ein kurzer Blick in die Dusche, und mir fällt der Entschluss leicht, es mit einer kleinen Katzenwäsche am Waschbecken gut sein zu lassen. Meine Lust auf Fußpilz hält sich in Grenzen.
Am Morgen schleiche ich mich mit schon am Abend gepacktem Rucksack und Schlafsack in der Hand in die Herbergsküche, packe alles, wie es sich gehört, und verlasse die Herberge.
Erst ein paar hundert Meter weiter auf einer Bank esse ich gestern gekaufte Napoletane und schüttle mir einen kalten löslichen Kaffee zusammen. Aus Erfahrung weiß ich, dass Koffein am Morgen, in welcher Form auch immer, besser als kein Koffein ist.
Bei Sonnenaufgang sehe ich am Wegesrand einen Tarp. Nebel hängt tief in den Wiesen, alles ist klitschnass. Respekt vor der Person im Tarp. Da drinnen muss es wie in einer Tropfsteinhöhle sein.
Galicien ist hügelig, und man sammelt Höhenmeter so nebenbei. Hinter mir höre ich das Klackern von Trekkingstöcken, die immer näher kommen. Da ist Ernesto, ein in A Coruña lebender Mexikaner. Ich habe ihn das letzte Mal vor einer Ewigkeit in Carrión de los Condes gesehen und bin etwas überrascht ihn hier zu treffen, da ich doch überdurchschnittlich viele Kilometer am Tag zurücklege.
Er hat ein Teilstück mit dem Bus zurückgelegt, aufgrund von Knieschmerzen wollte er sich das Cruz de Ferro und O Cebreiro nicht antun.
Wir plaudern ein wenig über die Lage in der Welt und mir nichts dir nichts, wir sind in Portomarin. 22 Kilometer bin ich ohne Pause durchgegangen. Das ist bei dieser Reise auch eine Premiere. In Portomarin beeindruckte mich am meisten der Fluss Miño. An seinen Ufern sieht man noch Reste der alten Stadt Portomarin. Sie musste aufgrund eines Stausee Projektes in einer erhöhten Lage neu gebaut werden. In dieser neuen Stadt mache ich Pause und esse ein Bocadillo.
Als ich die Stadt verlasse, sehe ich einen jungen Mann seinen Tarp in der Sonne trocknen. Den Tarp kenne ich doch. Ich frage ihn, ob er in der Nacht im Tarp am Wegesrand geschlafen hat. Ja, er war es, und er bestätigte mir, dass es ein ziemlich nasses Unterfangen war.
Ich wünsche ihm noch alles Gute und mache mich auf die letzten 20 Kilometer des Tages. Mein Ziel ist Airexe, ein kleiner Ort ein paar Kilometer vor dem größeren Palas de Rei. Ich spekuliere damit, dass alle, die es bis hierher geschafft haben, nach Palas de Rei gehen werden. Und ich habe recht. Ich habe die gesamte Herberge für mich alleine. Jackpot!
Unterkunft: Albergue de Peregrinos Airexe
Tag 21 / Mittwoch, 19.11. / Airexe – Ribadiso
34,99 km, 588 m ↑, 921 m ↓
Wenn man der einzige in der Herberge ist, dann muss man sich auch nicht heimlich hinausschleichen. Ich kann mich in Ruhe für den Tag fertig machen und in der Herberge frühstücken. Dann geht es los, und die erste Karotte vor meiner Nase ist ein Kaffee Cortado und ein Kaffee in Palas de Rei.
Das bekomme ich dort auch und nun mache ich mich auf den Weg ins 20 Kilometer entfernte Melide. Die Hügel werden niedriger, dafür gibt es aber mehrere davon zu bewältigen. Es ist ganz schön anstrengend, aber ich erreiche Melide und mache auf einer Bank vor der Kirche Mittagspause.
Das logische Etappenziel wäre Arzua, ca. zwölf Kilometer weiter. Aber dort sind sicher viele PilgerInnen. Eine andere Option wäre, noch mal acht Kilometer weiter zu gehen, zu einer privaten Herberge. Das scheint mir doch sehr ambitioniert. Da seh ich was im Online Reiseführer. Einige Kilometer vor Arzua in Ribadiso sind Herbergsgebäude aus dem Mittelalter, die von der Xunta renoviert und den PilgerInnen wieder zur Verfügung gestellt wurden.
Das ist mein Ziel für heute. Ich habe das gleiche Tempo wie eine südkoreanische Gruppe. Sie machen unentwegt Fotos. Fast so, als möchten sie den Camino als Ganzes mit nach Hause nehmen.
Sie gehen weiter, als ich in der Herberge einkehre. Und es ist ein Volltreffer. Es sind mehrere Steingebäude, die an die 60 Personen beherbergen könnten. Wir sind aber gerade mal zu sechst.
Unterkunft: Albergue de Peregrinos Ribadiso
Tag 22 / Donnerstag, 20.11. / Ribadiso – Santiago de Compostela
45,53 km, 823 m ↑, 885 m ↓
Ich schleiche mich mit meiner Ausrüstung in den Händen schnell und ohne viel Lärm zu machen aus dem Schlafraum, um meinen Rucksack im Aufenthaltsraum, der sich in einem eigenen Gebäude befindet, ordentlich zu packen. Aber leider ist das Nebengebäude abgeschlossen, und so bleibt mir nichts anderes übrig als im Halbdunkeln und in der Kälte meine Vorbereitungen zu treffen.
Es hat nur vier Grad. Der Winter hält in Galicien Einzug, und auf einigen Passagen, die ich bereits hinter mir habe, soll es das kommende Wochenende schneien.
Ich habe mir mehr als zwei Etappen des Online-Reiseführers vorgenommen. Aber mein erstes Ziel ist das wenige Kilometer entfernt liegende Arzúa, wo ich mir ein Frühstück gönne. In den ununterbrochen laufenden Nachrichtensendungen, die in den in den Bars immer aufgedrehten Fernsehern laufen, sehe ich Berichte zum 50. Todestag des faschistischen Diktators Franco. Gleichzeitig lese ich Berichte, wie wenig Aufarbeitung des Faschismus in Spanien gemacht wurde, und dass dadurch Franco von vielen Jugendlichen (wieder) verehrt wird.
Nachdenklich gehe ich weiter und werde von PilgerInnen links und rechts überholt. Ich bin, obwohl ich mittlerweile sehr weit gehen kann, doch noch immer sehr langsam. Ich versuche die Gelegenheit zu nutzen, auch ein wenig auf die Tube zu drücken.
19 Kilometer vor Santiago, in Pedrouzo, kehren die meisten PilgerInnen in ihre Herbergen ein. Für mich geht es noch weiter. Durch Wälder, Eukalyptusplantagen, vorbei am Flughafen, rauf nach San Marcos und zum Monte do Gozo.
Von dort gehe ich dann noch vier sich lang hinziehende Kilometer bis zum Ziel meiner Reise – zur Kathedrale von Santiago.
Nach dem Einchecken im Kloster San Martino Pinario esse ich dort noch ein Menu del Dia und gehe früh schlafen, weil am nächsten Tag um fünf Uhr in der Früh schon mein Taxi zum Flughafen auf mich wartet.































































































































































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