Cammino dell’Unione Rundwanderweg 2026 ITA
- 29. Apr.
- 14 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Mai

Einleitung zum Cammino dell’Unione
Der Cammino dell’Unione ist ein 109 Kilometer langer Rundwanderweg. Benannt ist er nach der Unione Terre di Castelli, einem Zusammenschluss von acht Gemeinden, die an den nördlichen Apenninausläufen in der Provinz Modena liegen. In jeder Gemeinde befindet sich zumindest ein mittelalterliches Schloss (Castello) und der Weg bietet einige Sehenswürdigkeiten: Beispielsweise das Essigmuseum in der Hauptstadt des Aceto Balsamico in Spilamberto, der Naturpark Sassi di Roccamalatina mit seinen auffälligen Felsformationen und der dem Berg Golgota nachempfundene Monte Tre Croci.
Der Rundweg wurde 2021 von Federica Bergonzini und Giuseppe Leo Leonelli, inspiriert von einer Pilgerreise am Jakobsweg, konzipiert. Sie wollten Wanderern die Möglichkeit bieten, ihre Heimat auf eine langsame, intensive und nachhaltige Art kennen zu lernen.
Als ich 2024 auf meiner Wanderung von Tallinn nach Rom in Spilamberto Halt machte, sah ich die Wegmarkierungen des Cammino dell’Unione. Damals reifte bereits die Idee, diese Region noch einmal zu besuchen. Die Infrastruktur ist ausgezeichnet. Einige Beherbergungsbetriebe am Weg stellen Wandernden Zimmer zu vergünstigten Preisen zur Verfügung. Zudem ist die Region bekannt für ihre ausgezeichnete Küche: Tortellini in Brodo, Tortelloni, Gnocco Fritto und Crescentine, um nur einige zu nennen. Für uns gute Gründe, diese erste Tour des Jahres in kurzen Etappen zu gehen und uns Zeit für Kulinarik, Natur und Kultur zu nehmen.
Eckdaten und nützliche Infos
Land: ItalienRegion: Emilia-Romagna
Art des Weges: Rundweg
Länge: 109 Kilometer (+19 Kilometer Zubringerweg aus Modema auf der Romea Strata)
Höhenmeter: 3020 ↑
Website: https://camminodellunione.com
Montag, der 16. März / Anreise Wien – Bologna
Den ganzen Tag verbringen Birgit und ich damit, die Wohnung so ordentlich wie möglich zu hinterlassen. Wäsche wird gewaschen, der Müll entsorgt und wir kontrollieren, ob es uns gelungen ist, alle verderblichen Lebensmittel aufzubrauchen, ohne etwas wegwerfen zu müssen. Bis auf einen Becher bereits abgelaufenen Obers ist die Mission geglückt.
Nach meiner kleinen vier Kilometer langen Trainingsrunde durch einen Park in der Nähe mache ich mich ans Rucksack packen. Ich gehe dabei systematisch vor und arbeite eine bestehende Excelliste ab, damit ich nichts vergesse. Die ersten drei geplanten Touren werden wir in Herbergen, Frühstückspensionen und Hotels übernachten. Eine weitere werde ich dann alleine bestreiten, und dabei möchte ich so oft wie möglich im Zelt übernachten und mich mit meinem Kochset selbst versorgen.
Ich wiege jeden einzelnen Ausrüstungsgegenstand ab und komme schlussendlich auf angenehme 7,5 Kilogramm. Mit Essen und Wasser werde ich auf 11-12 kg kommen. Nicht Ultralight, für mich aber mehr als nur akzeptabel.
Am Abend spazieren wir dann zum Bahnhof und nehmen den Nachtzug um 20:12 Uhr von Wien nach Bologna, wo wir um 5:30 Uhr ankommen werden. Wir kriechen in unsere kleinen Schlafkapseln und schlafen mehr oder weniger bis kurz vor Bologna durch.
Dienstag der 17. März | Ankunft in Bologna / Weiterfahrt nach Modena und Stadtbesichtigung
Der Zugbegleiter serviert uns um fünf Uhr ein kleines Frühstück und anschließend steigen wir um 5:30 Uhr in Bologna Centrale aus. Anstatt gleich nach Modena weiter zu fahren, entscheiden wir uns das zu tun, was wir immer als Erstes bei unserer Ankunft in Italien machen: Kaffee! Die Bahnhofsbar ist schon offen. Der Kaffee weckt so weit unsere Geister, dass wir beschließen, eine kleine Runde in Bologna zu drehen.
Wir gehen ins Zentrum zu den zwei Geschlechtertürmen Garisenda und Asinelli. Wer weiß wie lange Garisenda, der mit einer Neigung von 4° und einem Überhang von 3,22 m schiefer ist als der schiefe Turm von Pisa, noch steht. Rundherum ist aus Sicherheitsgründen auf jeden Fall seit 2023 alles abgesperrt, damit herabfallende Ziegelsteine oder gar der ganze einstürzende Turm niemanden gefährden. Nach einem letzten Kaffeestop in einer Bar geht es wieder zum Bahnhof und mit dem Regionalzug weiter nach Modena.
Wir haben noch viel Zeit bis zum einchecken, dürfen unsere Rucksäcke aber schon mal im Hotel abgeben. Ich habe heute ein ganz besonderes Ziel: Ich muss zum Holzeimer im Palazzo comunale. Die Geschichte dieses über 700 Jahre alten Holzeimers geht stark vereinfacht so: Bei einer lokalen Eskalation eines jahrhundertealten Konflikts zwischen Ghibellinen und Guelfen, den Unterstützern des römisch-deutschen Kaisers bzw. des Papstes kam es 1325 zur Schlacht von Zappolino bei der 7000 Modeneser 32000 Bologneser schlugen. Als symbolische Demütigung nahmen sie einen hölzernen Eimer als Kriegsbeute mit, und dieser ist im Rathaus von Modena noch immer ausgestellt.
Nachdem ich den Holzeimer bewundert habe, und Birgit sich mal wieder über mich wundert, besichtigen wir noch den Dom und das Dommuseum. Hier erfahren wir einiges über den Dombau, die mehrmaligen Renovierungsarbeiten und San Geminiano, Bischof Modenas im vierten Jahrhundert und Schutzheiliger der Stadt. Die Ghirlandina, den Glockenturm der Kathedrale, schauen wir uns nur von außen an, denn so langsam ist genug mit Kultur und Geschichte. Besonders weil wir uns noch um profanere Dinge kümmern müssen, nämlich den Einkauf von ein paar Snacks für Morgen.
Wir werden morgen nach Spilamberto wandern. Diese Etappe gehört nicht zum Cammino dell'Unione, sondern bringt uns erst dorthin. Wir könnten zwar auch mit dem Bus fahren, aber wir gehen lieber die 20 Kilometer lange Etappe auf der Romea Strata nach Spilamberto.
Unterkunft: Hotel Tiby Ritz
Mittwoch, der 18. März / Modena – Spilamberto 22,12 km
78 m Anstieg / 61 m Abstieg
Wir starten um acht Uhr in Modena auf der Romea Strata bis Spilamberto, wo wir Morgen unseren eigentlichen Weg durch die Terre dei Castelli beginnen werden.
Der Weg dorthin ist flach und führt bis zum Fluss Panaro auf Asphalt an einem Radweg entlang. Das stört uns im Moment nicht sonderlich, da wir durch die dichte Besiedlung in der Poebene immer nur fünf Kilometer bis zur nächsten Bar und dem nächsten Caffè Macchiato gehen. Am Panaro angekommen, wird der Weg dann auch gleich viel angenehmer. Auf Pfaden geht es am Fluss entlang. Wegen eines Kieswerks rechts von uns und der ganz in der Nähe verlaufende Straße, ist es zwar sehr laut, aber wir wussten schon, dass die heutige Etappe nicht sehr spektakulär sein würde. Es überwiegt die Vorfreude auf Spilamberto, wo wir Angela und Giordano treffen würden. Sie sind Teil der Accoglienza Pellegrina San Bartolomeo Apostolo und führen eine Pilgerherberge. Ich war schon 2024 bei ihnen und habe mich so wohl gefühlt, dass ich unbedingt noch mal in dieser Herberge übernachten wollte.
Angela empfängt uns und lädt uns für den Abend zu sich nach Hause ein. Angela und Giordano sind schon viele Cammini gegangen, und so fachsimpeln wir stundenlang, während wir das gute Essen genießen. Es gibt Tortelloni, Involtini, Erdbeeren, Parmesan, Aceto Balsamico Tradizionale aus eigener Produktion, Lambrusco, Grappa und Kaffee. Wir kosten ihren hauseigenen Essig, den sie am Dachboden herstellen und lagern. In Spilamberto gehört die Acetaia auf dem Dachboden zum guten Ton. Der Prozess dauert zwölf Jahre, oder auch 25 Jahre für den Vecchio. Im Verkauf kostet der Aceto Balsamico Tradizionale ca. 95 Euro pro 100 ml Fläschchen, und ist mit nichts, was ich an Essigen bisher gekostet habe, zu vergleichen. Ein durch jahrelange Reduktion zähflüssiger und dunkler Balsam mit einem intensivem Geschmack der Holzfässern, gleichermaßen süß und sauer. Einfach nur gut!
Bei der Verabschiedung gibt uns Angela noch ein Frühstück und eine Jause für Morgen mit. Wir gehen zurück in die nur wenige hundert Meter entfernt liegende Herberge und freuen uns schon auf Morgen.
Unterkunft: Accoglienza Pellegrina San Bartolomeo
Donnerstag, der 19. März / Spilamberto – Levizzano Rangone 18,52 km
366 m Anstieg / 201 m Abstieg
Wir schlafen beide ausgezeichnet und sind schon früh wach. Vom mitgegebenen Essen kommen die Pizzastücke in den Rucksack und die Cornetti werden gleich verdrückt und mit einem Kaffee runtergespült.
Bei strahlendem Sonnenschein machen wir uns auf die ersten Kilometer des Cammino dell'Unione. Der erste Teil der Etappe verläuft noch in der Ebene auf einem Radweg und ist bekannt dafür, der unattraktivste Teil des Weges zu sein. Für uns vergeht dieser Abschnitt trotzdem recht schnell, da wir uns an den weißen und rosa Blüten der Kirschbäume erfreuen.
Wir kommen zu einer Miniaturstadt, die ein Nachbau von Spilamberto ist. Ein Künstler hat sie aus Stein und Zement nachgebaut. Wir entdecken auch unsere Herberge von letzter Nacht in Miniaturform in diesem Modell.
Wegen einer Sperre auf dem Radweg müssen wir für ein kurzes Stück auf die Straße ausweichen, wo es praktischerweise eine Bar gibt und wir einen Macchiato bekommen. Kurz darauf schlägt der Weg eine 90-Grad-Kurve nach Süden und wir gehen in Richtung der ersten Apenninausläufer. Bei einem Supermarkt mit regionalen Produkten kaufen wir uns Mortadella, Ziegenkäse und Brot für den Abend, da wir heute gemütlich im Gemeinschaftsraum unserer Unterkunft essen wollen. So langsam hat sich in meinem Rucksack erstaunlich viel Essen angesammelt. Bei einem See wenige Kilometer später essen wir Pizzaschnitten und einen großen Apfel. Damit ist der Rucksack schon mal ein wenig leichter.
Wir treffen zwei Frauen, mit denen wir noch ein wenig über unsere heutige Etappe sprechen. Besonders das nur wenige Kilometer entfernt liegende Zentrum von Castelvetro di Modena soll ihrer Beschreibung nach einen Besuch wert sein. Also nur noch mal auf eine Anhöhe hinauf, noch mal runter und dann wieder schweisstreibend rauf zum mittelalterlichen Stadtkern samt Turm. Am Weg dorthin treffen wir einen Mann, der uns wegen unserer Rucksäcke anspricht und fragt, was wir vorhaben. Er meint noch, dass der heutige Teil des Weges ein Kinderspiel ist, ab Morgen soll es dann richtig anstrengend und steil werden.
Nach einer kurzen Pause gehen wir aus dem Ort raus und es beginnt ein wirklich steiler Anstieg. Aber gut, dass es erst morgen so richtig anstrengend wird.
Etwas abseits des Weges liegt hinter einem Bauernhof ein Gebetshaus – Oratorio. Das Kirchenhaus ist zu, aber hinter dem Gebäude sind zwei Stühle, die zu einer Pause einladen. Man sieht von hier aus bis nach Modena und weit in die Poeben hinein. Nachdem wir noch ein paar sehr zweifelhaft schmeckende Karotten essen, machen wir uns auf die letzten Kilometer bis Levizzano Ragnone. Hier sind wir direkt neben dem Schloss untergebracht.
Aber ganz zu Ende ist unser heutiges Abenteuer nicht. Unser Zimmer sollte sich mit einer App am Smartphone öffnen lassen. Doch als ich das Icon zum Öffnen klicke, ist zwar ein Summton zu hören, aber weiter passiert nichts. Der Betreiber sitzt in einer ganz anderen Stadt, kann die App aber so umstellen, dass wir nach 45 Minuten ein anderes Zimmer bekommen. Hier fehlt aber die Chipkarte, die man für die Beleuchtung braucht. Na gut. Dann ist es halt finster ab 19 Uhr. Aber auch dieses Problem löst sich, nachdem wir bei der unbesetzten Rezeption auf der Suche nach einem Stempel für unseren Wanderpass die Chipkarte finden.
Unterkunft: Emilio's Room
Freitag der 20. März 2026 / Levizzano Rangone – Rocca Malatina 29,58 km
1099 m Anstieg / 744 m Abstieg
Wir stehen früh auf – einen löslichen Kaffee und ein Frühstück aus unseren Essensvorräten, später sind wir schon wieder am Weg. Die Sonne scheint und die Temperaturen sind angenehm. Ideale Bedingungen für die schwierigste Etappe der gesamten Wanderung. Auf einigen Abschnitten am Weg sind bei Regen und oft noch etliche Tage danach tiefe, schlammige Furchen. Uns bleibt das erspart. Aber Birgit entscheidet sich auf einer steil hinab führenden asphaltierten Straße, sich von zwei Hasen ablenken zu lassen, zu stürzen und mit Knie und Gesicht zu bremsen. Erste Selbstuntersuchungen ergeben, dass nichts gebrochen ist (sein sollte). Das Knie schmerzt und ist aufgeschürft, ebenso eine Hand. Die Wange schwillt an, aber Birgit möchte vorerst weitergehen. Nach einem steilen Anstieg stehen wir am Monte Tre Croci, machen eine kleine Pause damit und Birgit ihre Wunden versorgen kann. In der nächsten Stadt wird sie dann entscheiden, ob sie den letzten Teil der Etappe mit einem Taxi beenden möchte. Zuerst geht es aber noch hinauf zum Weiler Denzano und dann im stetigen Auf und Ab hinunter zum Panaro, den wir schon von gestern kennen. Hier liegt die Stadt Marano di Panaro.
Am Stadteingang weist uns ein Werbeaufsteller auf eine Patisserie und Bäckerei im Innenhof hin. Eine kleine Stärkung könnten wir vertragen. Im Innenhof stehen neben den Parkplätzen zwei kleine, runde Metalltische und vier Stühle. Auf einer unscheinbaren Tür steht nur “Geöffnet, bitte Läuten”. Wir läuten, die Tür geht auf und man betritt ein kleines Wunderland der Patisserie und Backwaren, die in Vitrinen ausgestellt werden. Es wirkt, als ob wir in einem anderen Jahrhundert gelandet wären. Ein junger Konditor, der gerade in einem Nebenzimmer an einer Kreation arbeitet, kommt, um uns zu bedienen. Er scheint die einzige Arbeitskraft hier zu sein. Wir nehmen einen Kaffee und zwei süße Teile und gehen damit wieder raus in die reale Welt.
Im Zentrum der Stadt wollen wir noch Papiertaschentücher kaufen. Da es sehr wenige offene Geschäfte gibt, frage ich in einem kleinen Obstgeschäft nach wo ich das bekommen könnte. Das löst eine ungeahnte Kettenreaktion aus. Die Verkäuferin des Obstladens tritt vor die Tür und ruft zu einer zehn Meter entfernt stehenden und laut mit einem Postboten diskutierenden Frau „Giulia, haben die von der Trafik Papiertaschentücher?‟
„Ja‟ tönt es zurück und der Postbote nickt zustimmend. Zwei vor einer Bäckerei sitzende und die Hände oben auf den Gehstöcken abstützende Senioren, die den ganzen Hauptplatz im Blick haben, scheinen ebenfalls zu nicken.
Als wir den Platz mit Taschentüchern verlassen, redet der Postbote noch immer auf die Frau ein, die Obsthändlerin geht wieder in ihr Geschäft und die Senioren lassen ihren Blick über den Platz schweifen, auf der Suche nach neuen Geschichten.
Am Panaro geht es dann mal für einige Kilometer flach weiter, bevor es dann steil in den Parco Sassi di Roccomalatina hineingeht. Zuerst durch ein steiles Waldstück, dann durch eine Schlucht und über viele kleine Brücken, und zum Schluss nochmal so richtig steil hinauf nach Pieve di Trebbio, dem eigentlichen Etappenziel.
Unsere Unterkunft liegt aber noch eine knappe Stunde abseits des Weges steil bergauf. In Summe bewältigen wir heute knapp 1100 Höhenmeter und erreichen um 18 Uhr das Ristorante Santina.
Nachdem wir uns im Zimmer ausgeruht haben, geht es zum Abendessen. Das Restaurant bietet Pilgermenüs an. Eine gewaltige Menge Essen wird uns aufgetischt, und nach der Vorspeise muss uns die Wirtin einen zweiten Tisch herbringen, damit die restlichen Gänge überhaupt noch Platz haben. Ich habe eine kleine Liste an regionalen Gerichten, die ich auf dieser Wanderung ausprobieren wollte, und hier kann ich gleich mal eine ganze Menge davon kosten. Wir essen Tortellini in Brodo, Borlenghi, Crescentine, Gnocchi Fritti und jede Menge Salumi, Käse und Aufstriche. Es gibt von allem so viel, dass wir einige Crescentine einpacken, um sie morgen mit auf den Weg zu nehmen. Pappsatt und müde geht es ins Bett.
Unterkunft: Ristorante Santina
Samstag, der 21. März / Rocca Malatina – Zocca 18,25 km
927 m Anstieg / 682 m Abstieg
Im Ristorante Santina sind wir die einzigen Gäste und so wird nur für Birgit und mich ein Frühstücksbuffet aufgebaut. Wir bekommen, obwohl wir gestern ja schon etwas vom Abendessen eingepackt haben, von der Wirtin noch zwei Papiertüten, um uns für den Weg mit Snacks vom Frühstücksbuffet einzudecken. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir die nächsten 17 Kilometer verhungern, hält sich somit in Grenzen.
Wir gehen nach Rocca di Sotto. Hier kann man für den Preis von 3,50 Euro den Sasso della Croce, eine Felsnadel, in die schon vor sehr langer Zeit Stufen gehauen wurden, besteigen. Wir sind 45 Minuten vor der regulären Öffnungszeit da. Eine Frau bereitet im Shop und angeschlossenen Kaffee gerade alles für den Besucheransturm am Wochenende vor. Da ich nicht unbedingt so lange warten will, spreche ich sie an und sie lässt mich jetzt schon rein und ich habe somit die gesamte Felsnadel für mich alleine.
Birgit bleibt am Fuße des Felsens, während ich mich Stufe für Stufe nach oben arbeite. Die gute Aussicht ist es aber wert.
Wir sind an diesem Tag in den Kastanienwäldern des Naturparks und es geht meist sehr steil rauf und runter. So machen wir viele kleine Pausen. In einer Talsenke bei einer ehemaligen Mühle, nach dem nächsten Anstieg beim Castellino delle Formiche und in Samone. Beim Monte della Cisterna essen wir die eingepackten Kuchenstücke und belegten Crescentine. Wir gehen die Bergflanke des Berges steil bergab bis Cantone und Montalbano, einem wunderschönen Ortsteil von Zocca, unserem heutigen Ziel. Der Weg schlägt noch einen weiten Bogen, um zum Santuario della Verucchia zu gelangen.
Wenn wir hier etwas vom Weg abweichen würden, gelängen wir zum Haus Vasco Rossis, um die Graffitis zu bewundern, mit der seine Fans die ganze Straße verziert haben. Vasco Rossi, in Zocca geboren und aufgewachsen, ist einer der größten Rockstars Italiens. Sprachrohr für viele, die in den 70er und 80er Jahren aufgewachsen sind. Jeden Juli ist er hier und kommt Vormittags raus, um die ihn besuchenden Fans zu begrüßen.
Kurz vor 16 Uhr erreichen wir Zocca, decken uns im Lebensmittelgeschäft mit Essen für Morgen ein und checken dann bei Camillo in seinem schönen B&B ein. Ich schaue mir mit Camillo noch die letzte halbe Stunde des Radklassikers Mailand – San Remo an.
Nachdem wir etwas ausgeruht und geduscht sind, gehen wir im Zentrum in eine Pizzeria. Die Stadt steht im Zeichen Vascos. Seine Liedtexte zieren die Schaufenster. Der Text von seinem Hit Albachiara hängt in Lichterketten über die Hauptstraße, Graffitis schmücken die Wände. Wir gehen auch an der berühmten BIBAP Bar vorbei, in der Vasco öfter anzutreffen ist. Auch die Pizzeria, in der wir essen, ist von oben bis unten voll mit Fotos und Plakaten von ihm.
Unterkunft: B&B Fasciano Jane
Sonntag, der 22. März / Zocca – Guiglia 24,05 km
659 m Anstieg / 941 m Abstieg
Begleitet von Graffitis und Liedtexten verlassen wir Zocca und gehen nach Zocchetta. Am Dorfeingang von Montecorone erholen wir uns auf einer Bank vom Aufstieg beziehungsweise sammeln wir Kraft für den letzten kurzen aber heftigen Anstieg zur Kirche des Dorfes. Dabei werden wir von einer Gans, die sich frei im Dorf bewegt, lautstark dazu aufgefordert, uns auch ja bald wieder auf den Weg zu machen.
Vom Kirchenplatz in Montecorone haben wir dann einen guten Ausblick auf den Sasso di San Andrea. Diesem flachen Felsen werden heilende Kräfte zugeschrieben. Bei Krankheit sollte man aus der in der Nähe liegenden schwefelhaltigen Quelle trinken und sich dann auf den von der Sonne aufgewärmten Felsen legen. Das Wasser trinken wir nicht, aber wir nehmen den etwas über 200 Meter weiten Umweg in Kauf, um auf dem Felsen eine Pause zu machen.
Anschließend geht es wieder bergauf an großen landwirtschaftlichen Gütern vorbei, bevor es weit in ein Tal hinunter geht. Hier sieht man viele durch die letztjährigen Regenfälle verursachte Hangrutschungen.
Durch das Tal windet sich der Weg nach Monte Orsello. Hier wohnt Lucia. Vor ihrem Haus hängt eine rote Tröte. Wenn man diese betätigt und sie zu Hause ist, lädt sie einen auf einen Kaffee ein. Wir sitzen bei ihr im Wohnzimmer und plaudern ein wenig, bevor wir uns wieder auf den Weg machen.
Wir verlaufen uns und machen eine kleine Extrarunde, bis wir kurz vor Guiglia am Haus von Giuseppe Leo Leonelli vorbeikommen, der den Weg gemeinsam mit Federica Bergonzini konzipiert hat. In seinem Garten kann man sich ausruhen, in einem kleinen Häuschen gibt es einen Wanderstempel, den man benutzen kann und Merchandising wird zum Verkauf angeboten.
In Guiglia checken wir im in die Jahre gekommenen Albergo Lanterna ein. Das Hotelrestaurant hat leider Ruhetag, aber in der nahe gelegenen Locanda Sbrigati essen wir Tagliatelle mit Ragú und Gramigna alla Salsiccia.
Bei einem kleinen Verdauungsspaziergang zum Schloss stürzt Birgit wieder, als sie in der Dunkelheit ein Loch in der Straße übersieht. Wird diesmal aber von einem Busch ausgebremst, und außer, dass sie von einem Ast in den Rücken gepiekst wird, passiert nicht viel. Nur blaue Flecken und kleine Abschürfungen.
Morgen ist schon der letzte Tag auf diesem Weg. Ich kann jetzt schon sagen, dass der Weg etwas anstrengender ist als erwartet. Obwohl ich das Gelände schon etwas kannte, gehen die dauernden An- und Abstiege auf den Etappen zwei, drei und vier schon ordentlich auf die Muskulatur und die Gelenke.
Unterkunft: Albergo Ristorante La Lanterna
Montag, der 23. März / Guiglia – Spilamberto 30,85 km
416 m Anstieg / 821 m Abstieg
Heute steht eine lange Etappe an. Der Grund dafür ist, dass wir die erste Etappe durch unseren Start in Spilamberto um acht Kilometer verkürzt haben, und diese Kilometer heute dranhängen müssen, um den Rundwanderweg zu beenden. Die ersten Kilometer von Guiglia sind auf einer Straße ohne Seitenstreifen zu bewerkstelligen, biegt jedoch bald mal in eine Straße kleineren Ranges ein, die sich, obwohl asphaltiert, gut gehen lässt. Wir gehen hinab in ein Tal, um dann auf steil ansteigenden Wegen das Castello di Serravalle zu erreichen.
Wir haben für ein kleines Stück die Provinz Bologna betreten, und dieses Gebiet war jahrhundertelang zwischen den Städten Modena und Bologna umkämpft. Hier ganz in der Nähe fand auch der Eimerkrieg statt, und somit schließt sich ein Kreis. Den Eimer – nach dem der Krieg benannt wurde – haben wir ja an unserem Ankunftstag im Rathaus von Modena besichtigt.
Entlang einer Hügelkuppe, die langsam aber sicher erodiert, wandern wir meist auf schönen Pfaden bis wir auf eine Straße treffen, die uns nach Savignano sul Panaro führt. Eine knappe Stunde später treffen wir in Vignola ein. In einer Bar holen wir unsere Wanderurkunde ab und nutzen die Gelegenheit, einen Teller Pasta zu essen.
Die letzten acht Kilometer geht es flach am Ufer des Panaro nach Spilamberto. Wir kommen um 17 Uhr an, duschen uns schnell und gehen ins Museum.
Unsere Freunde Angela und Giordano haben was ganz besonderes für uns organisiert. Das örtliche Museum, welches nur Sonntags geöffnet hat, sperrt für uns um 18 Uhr auf. Wir sehen 5000 Jahre alte Grabfunde und Grabbeigaben. Aber der Hauptgrund, warum wir das Museum besuchen wollten, sind zwei Skelette von Jakobspilgern. Beim Aushub einer Baustelle stieß man auf eine alte Kirche und eine Pilgerherberge aus dem 10. Jahrhundert. In den Gräbern kamen auch zwei Skelette mit Jakobsmuscheln zum Vorschein. Auch ein Pilgerstab war beigelegt. Da die Pilger im Mittelalter die Muscheln in Santiago bekommen haben, ist anzunehmen, dass sie auf der Rückreise, oder vielleicht auch auf Weiterreise nach Rom waren.
Am Abend sind wir wieder, wie schon am ersten Tag, bei Angela und Giordano zum Essen eingeladen. Sie haben unsere Reise in den sozialen Medien verfolgt und notiert, was wir gegessen haben und was noch nicht. Da auf unseren Fotos keine Tagliatelle mit Ragù zu sehen waren, gab es welche als Primo. Sie haben sich sogar daran erinnert, dass wir ihnen erzählt haben, in Vignola die bekannte Torta Barozzi essen zu wollen. Sie wussten, dass wir scheitern würden, weil die Konditorei, die diese nach einem Geheimrezept zubereitet, Montags Ruhetag hat. Und so haben sie uns auch noch mit einem Stück original Torta Barozzi überrascht. Wir waren sehr gerührt von so viel Anteilnahme an unserer Reise und ihrer Gastfreundlichkeit.
Unterkunft: Accoglienza pellegrina San Bartolomeo































































































































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